Die Welt war flacher
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 15.06.2010
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In Bern und im Buch
Buch: Margrit & Ernst Baumann: Die Welt sehen. Fotoreportagen 1945–2000. Texte
von Wilfried Meichtry, Nadine Olonetzky, Markus Schürpf. Mit DVD des Dokumentarfilms «Panamericana». Verlag Scheidegger
& Spiess, Zürich 2010. 288 Seiten, 80 Farb-
und 250 Schwarzweissbilder, 99 Franken.
Ausstellung: bis 31. Juli im Kornhausforum Bern (www.kornhausforum.ch). Vernissage: heute, 19 Uhr.
Lesung und Werkstattgespräch: 24. Juni, 18.30 Uhr, Kornhausforum, mit Ernst und Margrit Baumann.
Filmabend: «Panamericana», 14. Juli,
20 Uhr, Lichtspiel (www.lichtspiel.ch),
in Anwesenheit der Baumanns.
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Sie waren geimpft. Doch dann wurden sie auf dem Weg nach Maracaibo gestoppt: eine mobile Truppe des venezolanischen Gesundheitsministeriums, befugt zur Zwangsimpfung gegen die Pocken. Die beiden Schweizer zeigten ihnen ihre internationalen Impfausweise. Doch die Beamten hatten einen eigenen Begriff von Internationalität: «Aquí non es internacional, aquí es Venezuela!»
Ernst und Margrit Baumann wurden mit dem gleichen Messer geritzt wie alle anderen auf der staubigen Strasse, dann setzten sie ihre Fahrt fort. In Maracaibo, der Hafenstadt in der Nordwestecke des Landes, kurz vor der Grenze zu Kolumbien, war Ernst so fiebrig, dass er nicht mehr aufstehen konnte. Infektion der Impfstelle, Blutvergiftung, und wahrscheinlich überlebte er nur dank einer Freundschaft, die die Baumanns wenige Wochen zuvor geschlossen hatten.
Auf Trinidad waren sie aus Europa angekommen, und dort hatten sie bei einem chinesischen Apotheker und Orchideenzüchter gewohnt. In seinem Garten hatten sie die Berichte zu ihren ersten Bildern geschrieben: über die Atlantikfahrt auf einem Schweizer Frachter, über Trinidads Unabhängigkeit von Grossbritannien und über den Asphaltsee von La Brea. Zum Abschied hatte ihnen der Chinese eine Hausapotheke geschenkt, darin ein Antibiotikum namens Aureomycin. Das hat Ernst Baumann in Venezuela gerettet. Und das war der gefährlichste Moment in den zwei Jahren, in denen die beiden durch Südamerika reisten. Klar machten sie in dieser Zeit Bekanntschaft mit schmiergeldversessenen Zöllnern, Strauchdieben und Strassen, die es nur auf der Landkarte gab. Und im Urwald Ecuadors fiel ihr Packesel in drei verschiedene Bäche, immer mit der ganzen Fotoausrüstung. Aber sonst: Die Welt stand ihnen offen. Sie war auf eine eigentümliche Weise flacher als heute.
Die beiden besuchten nachts die Slums von Trinidad, sie stiegen mit bolivianischen Bergleuten in die Schächte des Cerro Rico, liessen sich von Strassenkindern das Leben in Bogotà zeigen, begleiteten drei kolumbianische Schönheitsköniginnen auf ihrer Visite in der Provinz, standen noch vor den ersten Strahlen der Sonne auf einem indianischen Wochenmarkt in Ecuadors Anden, und sie flogen in den Regenwald zu den Jivaros, einem Indianerstamm, der sich gegen die Spanier behauptet hatte und nicht nur bei den Nachbarstämmen gefürchtet war. Auch wenn sie das Handwerk aufgegeben hatten: Die Jivaros – heute nennt man sie Shuar – hatten einen klingenden Namen als Kopfjäger und Schrumpfkopfhersteller.
Die zwei Reporter, damals noch keine dreissig Jahre alt, wurden freundlich empfangen und zahlten fünf Sucrès, 1.50 Franken. Dafür durften sie im Dorf der Jivaros fotografieren und filmen. Und dank einem Dolmetscher konnten sie ihren Lesern erklären, Frauen seien das Wichtigste für einen Jivaro-Mann: «Je mehr Frauen einer besitzt, desto geachteter ist er unter seinen Mitmenschen.» Zudem erfuhren sie auch, wie man einen toten Feind fachgerecht in eine Trophäe verwandelt, ohne dass die Seele aus ihm entweicht: Schädelknochen entfernen, Lippen zunähen, Kopf kochen bis zur Grösse einer männlichen Faust, dann acht Stunden räuchern. Ein Foto der Baumanns zeigt einen Pfahl, geschmückt mit Schnitzereien und Schnüren, darauf der Kopf eines Indianers mit gepflegter Frisur.
Genug von den Gipsköpfen
«Wir wollten sehen, wie andere Menschen leben, denken und fühlen.» So sagt es Ernst Baumann, heute 81-jährig, im eben erschienenen Band zu ihrem Lebenswerk. Und Margrit Baumann spricht von der «Neugier auf die Welt und den Menschen». Kulturelle Unterschiede? Die Wirklichkeit, wie sie die Baumanns erfuhren, war transparent: Ihre Texte sind von keinem Verdacht getrübt, dass das Fremde so fremd sein könnte, dass es ein Europäer gar nicht versteht. Und ebenso wenig gibt es in ihren Bildern unscharfe Stellen, kein diffuses Licht behindert den Blick. Immerhin hatten sie ihr Handwerk in den Vierzigerjahren gemeinsam bei Hans Finsler gelernt – dem Grossmeister der Dingfotografie, der einer ganzen Generation Übungen an Hühnereiern oder Hosenknöpfen verordnet hatte, um sie in Sachlichkeit, Genauigkeit und Klarheit zu schulen.
Zu den Schrumpfköpfen kamen sie übrigens, nachdem sie genug Gipsköpfe gesehen hatten. So nannte man unter Pressefotografen die Porträts der Bundeshauspolitiker, und die waren neben dem Sport ein grosser Teil der Arbeit bei der Agentur Photopress in Bern. Hier waren sich Ernst Baumann und Margrit Bäumlin, wie sie noch hiess, zum zweiten Mal nach Finslers Klasse begegnet. Margrit war eine der ersten Frauen in der Branche, und 1951 bekam sie ihren ersten Auslandauftrag: eine Reportage über Ungarn-, Rumänien- und Jugoslawiendeutsche, die via Genua nach Brasilien auswanderten. Doch solche Arbeiten waren im Agenturalltag rar, das Leben mit der Kamera hatte sie sich aufregender vorgestellt. 1953 kündigte sie und machte sich selbstständig.
Belutschistan und Hindelbank
Ernst Baumann hatte sich schon früher dafür entschieden. Über Nordafrika war er 1951 in den Nahen und den Fernen Osten gereist, zunächst mit zwei Journalisten, dann auf eigene Faust. Schon die Titel der Reportagen verrieten den Traum eines Manns, der als Bub viel Karl May gelesen hatte: «Abenteuerliche Fahrt durch Belutschistan» oder «Kamelkämpfe in der Wüste». Doch gleichzeitig zog es ihn auf die Schauplätze der Weltgeschichte. In Kalkutta stieg er mit einer Delegation von Mönchen ins Flugzeug, die die Reliquien Buddhas nach Indochina überführten: Sie sollten dem Land Frieden bringen. Die Reportage über den Empfang des Schreins in Pnom Penh wurde einer von Ernst Baumanns grössten Erfolgen, aber die Gläubigen hofften vergeblich – in Südostasien entzündeten sich schon vor Vietnam Stellvertreterkonflikte zwischen Ost und West, und Baumann war in der Region bis 1954 als Kriegsberichterstatter unterwegs.
In der Zeit beschäftigte sich Margrit Bäumlin mit dem Leben an den Rändern der Schweizer Gesellschaft. Sie besuchte Bergbauern im Tessin und im Wallis, das Kinderdorf Pestalozzi, ein Berner Frauenheim und die Anstalt Hindelbank. 1955 kehrte Ernst aus Asien zurück, und so schnell die beiden ein Paar wurden, so schnell waren sie fort, um ihre ersten gemeinsamen Reportagen zu realisieren: Italien, Jugoslawien, Griechenland, Türkei, Syrien – alles mit einem 2 CV. Im selben Herbst bezogen sie eine Wohnung im Liebefeld, dann kam die Heirat, und bald verschifften sie in Hamburg ihren VW-Bus, den sie zum Arbeits- und Wohnmobil umgebaut hatten.
Warten auf dem Parkplatz
Die Südamerika-Reise wurde ihr Hauptwerk. Für Ernst Baumann war sie – nach Europa, Nordafrika, Nah- und Fernost – der «logische nächste Schritt». 200 Reportagen fotografierten und schrieben die beiden in den Jahren 1957 bis 1959, in denen sie auf der «Panamericana» unterwegs waren, der Route, die sie durch den ganzen Kontinent führte – macht zwei Reportagen pro Woche. Im Zürcher Oberland wartete Ernst Baumanns Mutter auf ihre Post. Sie vermittelte die Reportagen: vor allem an die Illustrierte «Sie und Er», daneben an den «Brückenbauer» und ans «Berner Tagblatt», seltener zudem ans «Gelbe Heft» oder ans «Illustrierte Unterhaltungsblatt zum Tages-Anzeiger».
«Von unserem Reportage-Team Margrit und Ernst Baumann», so waren ihre Berichte gezeichnet. Nur bei den Texten gab es eine Arbeitsteilung: Ernst schrieb, Margrit redigierte. Bei den Bildern dagegen spielte es keine Rolle, wer den Auslöser drückte: Die zwei waren auch beruflich ein Paar. «Wir wollten als freie Fotografen leben», sagt Margrit Baumann. Und dafür war die Zeit günstig: Es gab weder Fernsehen noch Massentourismus, die heimische Presse war hungrig auf die weite Welt. So lebten die Baumanns für ihre Reisen, und von ihren Reisen konnten sie leben, wenn auch bescheiden. Ernsts Mutter schickte die Honorare jeweils auf die nächste Schweizer Gesandtschaft weiter, doch mehr als einmal ging ihnen das Geld aus. In Lima etwa, wo sie den VW-Bus
eine Woche auf einem Parkplatz abstellen mussten und ihren Hunger mit Reis, Zwiebeln und Bohnen bekämpften, bevor der Check endlich kam: 400 Franken, genug für die nächste Etappe.
Die Treuen vergisst man
Diese Bescheidenheit hat die Baumanns wohl auch durch den Wandel gebracht, der um 1960 einsetzte. Das Fernsehen wurde das Fenster zur Welt, Auslandreportagen waren bei den Illustrierten immer weniger gefragt, der Markt wurde eng. Doch während sich eine Reihe etablierter Fotografen zum Film oder in die Werbung absetzten, blieben die Baumanns bei ihrem Metier. Vom Reisen konnten sie allerdings nicht mehr leben, sie waren vermehrt auf anspruchslose Arbeiten angewiesen, bei denen sie mit ihren Bildern keine eigenen Geschichten mehr erzählen konnten, sondern nur noch Illustrationen ablieferten. So fotografierte Ernst für Zeitschriften die Parkplatznot in Wintersportorten oder Geschenktipps für Weihnachten; sein Geld verdiente er später vor allem mit Aufträgen für die Armee. Und Margrit kam erst aufs Reisen zurück, als die beiden Kinder gross genug waren. Trotzdem sind seither so viele weitere Reportagen entstanden, dass die Weltkarte der Baumanns kaum noch weisse Flecken hat.
Ihre Bescheidenheit hat sie auch vor Bitterkeit bewahrt. Grund dazu hätten sie: Schon früh sind sie in Vergessenheit geraten, sogar in Bern. Dabei haben sie den Schweizern wahrscheinlich mehr Welt ins Wohnzimmer gebracht als jeder andere Reporter in diesem Land; das macht ihr Werk einzigartig. Vor zehn Jahren hat ihnen das Bieler Photoforum eine Ausstellung gewidmet. Aber in den Standardwerken zur Schweizer Foto- und Pressegeschichte sucht man ihre Namen vergebens. «An der Qualität ihrer Bilder kann dies nicht liegen», schreibt der Fotohistoriker Markus Schürpf im neuen Bildband. An ihrem Stil allerdings schon. Wer sich die Bilder ansieht, die heute als charakteristisch für die Fünfzigerjahre gelten (etwa jene in Martin Schaubs «Überblick zur Pressefotografie nach 1945»), der bemerkt eine wesentlich subjektivere, modernere Bildsprache als die der Baumanns. Da wird mit Unschärfe gearbeitet, mit Bewegung, diffusem Licht und dem Willen zur Emotion; da werden der Blick und der Standpunkt der Fotografen spürbar. Werner Bischof, Yvan Dalain oder Rob Gnant – sie haben sich in jenen Jahren vom Erbe Finslers befreit, vom Gebot der Sachlichkeit, das die Schweizer Fotografie schon in der Zwischenkriegszeit prägte: Sie wollten keine objektiven Dokumentaristen mehr sein, sondern subjektiv empfindende Persönlichkeiten.
Die unscharfe Natter
Zu dieser Avantgarde gehörten die Baumanns nicht. Es gibt da zwar einen Satz, den Ernst 1957 in sein Tagebuch schrieb: «Da ja bekanntlich auch die objektivsten Urteile subjektiv sind, werden wir eben nun eine wahre Orgie der Subjektivität treiben.» Doch davon sieht man nichts in den Bildern der beiden. Stattdessen: jene klare Beobachtung und respektvolle Distanz, die die Finsler-Schule verrät. Wahrer ist darum, was die Baumanns ebenfalls sagen: «Wir waren Handwerker. Es ging uns nie um schöne Bilder, sondern immer um das Erfassen einer vorgefundenen Realität.»
Natürlich liegt auch darin eine Idee von Schönheit. Aber eben nicht jene, mit der man sich künftigen Historikern empfehlen konnte. Kommt dazu, dass die Zeitschriften und Zeitungen, in denen die Baumanns publizierten, weder zu den auflagestarken noch zu den renommierten gehörten. Ein Foto Margrit Baumanns erschien zwar 1954 im famosen «Life Magazine», es wurde «Bild des Monats», aber es ist untypisch für das Werk der beiden. Erstens zeigt es keine Menschen, sondern eine Würfelnatter in jenem Moment, da sie über einen Stein ins Wasser der Maggia schnellt und sich eine Forelle schnappt. Und zweitens: Es ist unscharf.


