Musik Aktuell Cinématte

Die Eroberung des Nutzlosen

Von Florian Keller. Aktualisiert am 02.02.2011

Es ist Irrsinn: Trotzdem drehen die Schweizer Musiker wie der Jazzer Rusconi oder die Rapperin Big Zis eigene Musikvideos. Mit wenig Geld, aber viel Esprit. Eine Auswahl ist nun im Kino Cinématte zu sehen.

1/16 Stahlberger - Gwaltbereiti Alt
Regie: Cesare Macri

   

Interaktiv

Sound & Stories – Cinématte, 7. Februar, 21.00 Uhr

Das Popmusikfestival m4music präsentiert mit «Sound & Stories» ein Auswahlprogramm der besten Schweizer Musikclips, die im gleichnamigen Wettbewerb an den vergangenen Solothurner Filmtagen gezeigt wurden. Dort erhielten die Winterthurer Regisseure Jonas Meier und Mike Raths den Jurypreis für den Clip zu «The Destroyed Room» der Band Rusconi. Im Auswahlprogramm werden ausserdem Clips von Greis, Steff la Cheffe, Kutti MC, Bonaparte, Solange La Frange, Stahlberger, Yello und anderen gezeigt.

Cinématte

Adresse: Wasserwerkgasse 7
3011 Bern
Url: http://www.cinematte.ch
Reservation: 031 312 45 46

Zur wundersamen Logik des Musikvideos im Zeitalter von Youtube gehört es, dass man im Netz zwar nirgends ein Video zu den neuen Platten von Baschi oder Bligg findet, aber dafür eines von Rusconi. Das Komische daran: Rusconi spielen Jazz.

Ausgerechnet eine Schweizer Jazzband

Gemeinsam ist allen, dass sie bei grossen Plattenfirmen unter Vertrag stehen: die beiden Mundartstars bei Universal, die Jazzer von Rusconi bei Sony. Baschi und Bligg jedoch sind dank dem Fernsehen ganz gross geworden, und eben nicht im klassischen Musikfernsehen mit teuer produzierten Videoclips auf Viva oder MTV: Der eine hat eine Castingshow absolviert, der andere Auftritte bei «Die grössten Schweizer Hits». Musikvideos? Haben einheimische Popstars nicht mehr nötig, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen ihnen auch so die grosse Bühne freimacht.

Und ausgerechnet eine Schweizer Jazzband bekommt dagegen von einem Branchenriesen wie Sony ein Musikvideo bezahlt? Bekommt sie natürlich nicht. Ein Majorlabel wie Sony, sagt Pianist Stefan Rusconi, würde heute niemals 10 000 Franken in ein Video für eine Band investieren, die instrumentalen Jazz spielt. Kulturstiftungen helfen da auch nicht weiter: Weil Musikvideos, von ihrer Funktionsgeschichte gesehen, eben immer noch Werbung sind, gibt es nirgends Fördergelder dafür.

Den Clip zu «The Destroyed Room» haben Rusconi, wie schon ihr mehrfach preisgekröntes erstes Video, deshalb aus der eigenen Tasche bezahlt. Und die Plattenfirma? Die schaut zu und freut sich mit. Eigentlich, sagt Rusconi, sei das ein Irrsinn: «Aber das Schöne daran ist, dass wir so machen können, worauf wir Lust haben.»

Trip durchs Shoppingcenter

Lust hatten sie in diesem Fall auf einen Ausflug zur dunklen Seite der Konsumgesellschaft, auf den sie sich von den beiden Winterthurer Regisseuren Jonas Meier und Mike Raths entführen liessen. Die hatten vor zwei Jahren schon das erste Video für Rusconi realisiert, ein surreales Alltagsballett um einen digital geklonten Arbeiter in einer Lagerhalle, das selbst einen Clipzauberer wie Michel Gondry neidisch machen könnte.

Für «The Destroyed Room» nun haben sie in einem schlafenden Einkaufszentrum einen bizarren Zirkus der Nachtgestalten orchestriert: Die Kamera sitzt im Lift fest, schwebt auf und ab und blickt dabei ungerührt auf das merkwürdige Treiben, das sich auf den verschiedenen Etagen der nächtlichen Einkaufslandschaft abspielt. Und irgendwo zwischen den Regalen musiziert die Band.

Werbung ist Kunst ist Werbung

Ist das noch Werbung? Ist es schon Kunst? Es ist, wie bei allen guten Musikvideos, beides. Der Clip ist spektakulär, aber bestechend schlicht, er ist ein Albtraum mit Witz. Und stimmiger als mancher Schweizer Spielfilm, der es ins Kino schafft. Die über 36 000 Hits, die sie mit ihrem ersten Video auf Youtube erzielt haben, hätten die Plattenverkäufe zwar nicht wirklich steigern können, wie Stefan Rusconi einräumt. Aber die Band macht mit ihren Clips ein Publikum neugierig, das sich sonst womöglich nicht für Jazz interessiert: «Wenn wegen der Videos neue und vor allem andere Leute an unsere Konzerte kommen, hat sich der Aufwand für uns gelohnt.»

Lieber als über die Werbewirkung spricht Rusconi sowieso über die Lust am künstlerischen Austausch mit den Regisseuren und über die Neugier darauf, was die Bildermenschen mit seiner Musik anstellen: «Wir erzählen ja auch Geschichten mit unserer Musik, auch wenn die bei uns abstrakter sein mögen. Da waren wir gespannt, worauf die Regisseure anspringen.» Und wenn einer der beiden Regisseure lachend gesteht, dass er von Musik keine Ahnung habe, glaubt man ihm das nur zur Hälfte: Mag sein, dass er über Musik nicht reden kann, aber die Clips mit ihrer komplexen Choreografie und ihrem Rhythmusgefühl beweisen das Gegenteil.

Eigentlich ist es Irrsinn: Der Satz von Stefan Rusconi gilt erst recht für Rapperin Big Zis und ihre Videos. Von der Spitalgroteske bis zum alpenländischen Spaghettiwestern hat sie schon reihenweise Genres ausprobiert: Da feiert sie eine versponnene Walpurgisnacht unter seltsam verkleideten Fabelwesen im Unterholz («Suure Räge»); sie lässt sich, hochschwanger, im Rollstuhl in ein Spital schieben, um dort einen Stoffbiber zu gebären («Käis Probleem»); oder sie steht breitbeinig im Schnee, als Outlaw mit Zigarillo im Mundwinkel und dem Finger am Abzug («Zessi»).

13 Songs, 13 Clips

Das sind nur 3 von den 13 Videos, die Big Zis vor zwei Jahren zu ihrem Album «Und jetz . . .» herausgebracht hat. Der Plan war vielleicht verrückt, sicher aber einzigartig in der Schweizer Musiklandschaft: Zu jedem Track auf dem Album gabs einen Clip, und jede Woche wurde ein neues Video im Netz aufgeschaltet, 13?Wochen lang. Anders als bei Rusconi kam das Geld für die ganze Aktion von der Plattenfirma, dem einheimischen Independentlabel Nation Music. Für das Label war das eine Promotionsoffensive, für Big Zis der kollektive Versuch, ihrer Musik eine neue Welt zu erschliessen. Und: «Wir hatten noch ganz andere Ideen, die mehr Wahnsinn vorausgesetzt hätten.»

Mehr Wahnsinn, das hätte geheissen: eine lose verknüpfte Story, die sich durch mehrere Clips zieht, als kurze Spitalserie irgendwo zwischen «Grey’s Anatomy» und Lars von Triers «The Kingdom». Das jedenfalls war die Idee von Benjamin Weiss, der als Regisseur den Grossteil der Clips gedreht hat, mit einem Budget von 10 000 Franken. Zu schaffen war das nur unter massiver Selbstausbeutung aller Beteiligten. Hat sichs gelohnt? Nicht unbedingt, was die Verkaufszahlen betreffe, meint Big Zis. Aber, ergänzt Benjamin Weiss: «Wenn man das Ganze als Kunstprojekt betrachtet, ist es müssig zu fragen, was es gekostet hat.» Die Schönheit, sagt er, liege in der Eroberung des Nutzlosen.

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