Von Sonnenuhren und Schattenrissen
Von Alice Henkes. Aktualisiert am 13.01.2012
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Datum und Uhrzeit
Ausstellung
Die Ausstellung im Museum Neuhaus in Biel dauert bis 26. Februar 2012.
Der berühmteste Schatten der Comicgeschichte empfängt die Besucher der Ausstellung «Der Schatten» im Museum Neuhaus in Biel. Als Wandbild ragt die Silhouette eines Cowboys mit Schmalztolle auf, die Rechte noch am Pistolenholster, im Bauch ein rundes Loch. Lucky Luke, der Mann, der schneller zieht als sein Schatten, ist nicht nur schöner Blickfang, er gibt auch die Marschrichtung der Ausstellung vor, die informativ und familientauglich ist, und keineswegs schattengrau.
Die liebevoll eingerichtete Schau fächert das Thema Schatten breit auf. Sonnenfinsternis und Sonnenschirm gehören ebenso dazu wie Scherenschnitte und Schattentheater. Nicht immer wirkt der rote Faden, der durch die Schau führt, straff gespannt. Den Schatten im Comic folgt ein physikalischer Exkurs zu Kernschatten, Halbschatten und der Zeitmessung mit Schatten. Der Gestaltung mit Schatten in der Malerei begegnet man gleich an mehreren Stellen der Schau.
Streng systematisch denkende Menschen mögen hier eine gewisse Unordnung bemängeln. Auch mag man sich wundern, dass das Gebiet der Fotografie, in dem Licht und Schatten die vorrangigen Gestaltungselemente sind, ganz ausgespart bleibt. Doch wer gern in Lexika und Wörterbüchern stöbert, um hier und dort Wissenswertes herauszupicken, der wird diese Schau lieben, die dem Betrachter zahllose Informationen aus verschiedenen Wissensgebieten vermittelt.
Reizvoll ist die Präsentation eleganter Sonnenschirme. Der Sonnenschutz, der den sozial höheren Klassen vorbehalten war, hat eine deutlich längere Geschichte als der Regenschutz. Da die Sonnenschirme nicht wasserfest sein mussten, konnten Putzmacher ihre Fantasien hier ungehemmt austoben. Weiche Fransen, zarte Spitzen, Wolken von Bordüren: Man ahnt, dass eine Wiedereinführung des Sonnenschirms bei Modedesignern Begeisterungsstürme auslösen würde.
Philosophie mit Discofeeling
Beim Stichwort Sonnenuhr erfährt man, dass unsere heutigen Zeitzonen Kompromisslösungen sind. In Wirklichkeit erreicht die Sonne ihren Höchststand in Genf 14 Minuten später als in St. Gallen. Als man die Zeit noch mit Sonnenuhren mass, war das kein Problem. Gegen Ende des Rundgangs führt die Schau sogar in Platons Gleichnishöhle, in der die Aussenwelt nur als über die Felswände huschende Schatten sichtbar ist. Im Museum Neuhaus mimt ein mit Filz ausgekleideter Raum die Höhle, über die Wände zieht eine Karawane von Tierschatten, die aus Noahs Arche ausgebrochen sein könnte, dazu ertönt Popmusik. Nicht ganz überzeugend mischt sich hier die philosophische Ergründung von Wirklichkeitswahrnehmung mit Discofeeling.
Kochlöffel-Ensemble
Zum kurzweiligen und interessanten Vergnügen wird die Ausstellung jedoch vor allem durch zahlreiche interaktive Elemente. Im Saal, in dem Silhouettenzeichnung und Scherenschnitt als Vorläufer der Fotografie vorgestellt werden, steht ein Nachbau jenes «sicheren und praktischen Apparats für das Zeichnen von Silhouetten», den der Brite Thomas Holloway um 1800 erfand. Besucher können sich hier in der Kunst des Schattenrisses erproben. Anhand wandfüllender Gemäldepuzzle kann man erkunden, wie Tiefenwirkung oder Stimmung eines Bildes durch Schattensetzung entsteht. Eine Versuchsanordnung, die die Entstehung von Kernschatten und Halbschatten verdeutlichen soll, besteht aus einem schlichten Holzklötzchen und zwei Lampen. Im Prinzip liesse sich das sogar zu Hause nachbauen. Gerade diese Einfachheit wirkt bestechend, widerlegt sie doch den alten Irrglauben, Wissensaneignung sei eine mühselige Sache. Und ganz nebenbei wird hier veranschaulicht, dass man sich Information und Vergnügen auch abseits elektronischer Medien verschaffen kann.
Das zeigt auch der End- und Höhepunkt des Rundgangs, ein Schattentheater, zu dessen Ensemble neben kunstvollen Elefanten und Kasperli aus Karton auch fantasievolle Figurenkreationen aus Kochlöffeln und Pfeifenreinigern gehören. Dieser Aufforderung zum Spiel kommen nicht nur Kinder nach, auch viele erwachsene Besucher lassen hier gern mal die Schatten tanzen, wie eine Museumsmitarbeiterin verrät.

