Parodie und roter Keil
Von Konrad Tobler. Aktualisiert am 13.01.2012
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«Passion Bild»
Vernissage im Kunstmuseum Bern, Freitag, 2. Dezember, 18.30 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 12. Februar 2012. Sammlungsmonografie: «Passion Bild. Russische Kunst seit 1970. Die Sammlung Arina Kowner», 2010. 343 S., 75.– (Im Handel Fr. 99.–). Katalog Fr. 25.–. www.kunstmuseumbern.ch
Ilya Kabakov und Erik Bulatov, vielleicht noch Pavel Pepperstein oder das Duo Komar & Melamid: Das sind die Namen, die gängigerweise im Westen für die aktuelle russische Kunst stehen. Sonst sind sowohl die Moskauer als auch die Petersburger Kunstszenen kaum bekannt – ganz im Unterschied zur chinesischen Gegenwartskunst, die in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebte. Mit der Ausstellung «Passion Bild – Russische Kunst seit 1970» schliesst das Kunstmuseum Bern diese Lücke – und nimmt eine Haustradition wieder auf, die 1988 mit der Ausstellung «Ich lebe – Ich sehe» begann und 2005 mit «Avantgarde im Untergrund» fortgesetzt wurde. Gezeigt wird die Sammlung von Arina Kowner mit über 200 Werken von 48 Künstlern, eine umfassende Präsentation also, die in ihrer Vielfalt und Heterogenität vom Publikum viel fordert. Aber ist es nicht so, dass eine Übersichtausstellung westlicher Gegenwartskunst in sich ebenso unübersichtlich wäre?
Arbeiten aus dem Untergrund
Die Organisation der Ausstellung in zwölf Kapitel hilft, Schritt für Schritt in einen bisher kaum bekannten Kosmos einzudringen – von konstruktiv-konzeptionellen Werken über klassizistische, von privatmythologischen über ironische bis hin zu gestischen oder performativen. Dass dabei oft die gesellschaftlich-politische Situation eine Rolle spielt, versteht sich von selbst, waren doch viele dieser Künstler während der Sowjetzeit gezwungen, im Untergrund zu arbeiten, weil sie der offiziellen Linie nicht entsprachen. Und noch heute gibt es Kräfte – vor allem ist es die orthodoxe Kirche –, die die Freiheit der Kunst einzuschränken versuchen. So spiegelt diese Kunst eine Gesellschaft, die immer noch auf der Suche nach ihrer Identität ist, mal wütend aufbegehrend, mal zweiflerisch und dann wieder witzig oder auch bitter. So sagt etwa der Künstler Yuri Kalendariev im Katalog auf die Frage, wie sein Verhältnis zum Staat sei: «Zu Sowjetzeiten war die Beziehung zum Staat kompliziert. Heute ist sie seltsam. Aber wenigstens kommt man heute für Gespräche nicht in den Knast.»
Die Sammlung Kowner gibt also einen bestimmten Einblick in eine Gesellschaft, die zwar nicht mehr hermetisch abgeriegelt, aber für das westliche Verständnis in vielem doch noch nicht ganz in Europa angekommen ist. Kowner, von der Familie her ursprünglich russischer Herkunft, ist in der Schweizer Kultur- und Kunstszene seit langem ein Begriff, nicht als Sammlerin, sondern als langjährige Leiterin des Migros-Kulturprozents und als mittreibende Kraft beim Aufbau des Migros-Museums in Zürich. Ihre Energie als Kunstförderin trieb sie auch privat an. So ist seit 1988 diese beeindruckende Sammlung entstanden, die einerseits sogar Werke umfasst, die Kowner gewissermassen aus dokumentarischen Gründen integrierte und die ihr, wie sie bemerkt, nicht unbedingt gefallen müssen; andererseits hat sie die russische Gegenwartskunst mit Werken von Markus Raetz, Alois Lichtsteiner, Jospeh Beuys, Sol LeWitt oder Robert Mangold ergänzt. Hinzu kommen alte Ikonen, die ja bereits für die erste russische Avantgarde Anfang des letzten Jahrhunderts eine wichtige Inspirationsquelle bildeten.
Auf diese Avantgarde, die während der Sowjetzeit verboten war, bezieht sich eine wichtige Gruppe von Künstlern, so etwa Igor Makarevich mit seinen Pinocchio-Variationen von späten Gemälden von Kasimir Malevich, dessen ikonisches schwarzes oder weisses Quadrat immer wieder auftaucht. In diese Gruppe gehört auch Edik Steinberg, der sich auf die Suche nach einer neuen Religiosität gemacht hat und direkt auf Ikonen von Andrei Rublev anspielt. Andere Künstler wie Grisha Bruskin oder Yuri Kalendarev greifen die jüdische Bildtradition auf – eine Auseinandersetzung, die schon in der ersten russischen Avantgarde vorhanden war, so bei Marc Chagall und El Lissitzky.
Dann folgen die Nonkonformisten der Leningrader Gruppe «Neue Künstler» um Timur Novikov, die in den 1980er-Jahren sowjetische Embleme und Ikonen ad absurdum führten, teils bewusst auf eine naive Kunst zurückgreifend, teils El Lissitzky parodierend: Statt «Schlagt die Weissen mit dem roten Keil» heisst es hier jetzt «Schlagt die Grünen mit dem grünen Keil».
Proletarische Heldengesten
Szenenwechsel: Neoakademismus, aber nicht mehr sozialrealistischer, sondern etwa auf Rembrandt zurückgreifend wie Bella Matveeva oder Oleg Maslov. Erneuter Szenenwechsel: Parodien auf den Sozialistischen Realismus und die entsprechenden proletarischen Heldengesten. Dann eine Serie von düsteren Tuschezeichnungen von Boris Kocheishvili, bei dem deutlich wird, dass die Auseinandersetzung mit Picasso für manche Künstler ästhetisches Neuland bot. In den Fotografien von Sergej Borisov dann erlebt man die nonkonformistische Kunstszene der 1980er-Jahre ebenso direkt und eindrücklich wie den Umbruch nach der Perestroika. Den Abschluss machen schliesslich die Moskauer Konzeptionalisten, von denen eben Kabakov oder Bulatov die bekanntesten sind. Dank der Sammlung Kowner erweitert sich auch hier der Blick. Und das ist irritierend und bereichernd zugleich.

