Fotografieperlen eines Flaneurs

Von Helen Lagger. Aktualisiert am 29.03.2012

Eine einmalige Foto-Ausstellung im Berner Robert-Walser-Zentrum ehrt den Schweizer Robert Frank. Der Künstler von Weltrang hat die Ausstellung als Hommage an den Schriftsteller eigens gestaltet.

Spiel mit dem (Un-)Sichtbaren: Eine Fotografie von Robert Frank.

Spiel mit dem (Un-)Sichtbaren: Eine Fotografie von Robert Frank.
Bild: zvg


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Zwei ältere Damen und ein junges Mädchen stehen hinter einer Fensterscheibe und beobachten etwas, was für den Betrachter der Fotografie unsichtbar bleibt. Es scheint sich um etwas Faszinierendes zu handeln, denn ihre Gesichtsausdrücke drücken Neugierde, Erstaunen und Ergriffenheit aus. Während die Betrachter ganz nah an dieser Episode dran sind, hält die daneben stattfindende Szene auf Distanz: Eine kleine Menschengruppe kehrt dem Publikum den Rücken zu und läuft gewissermassen aus dem Bild.

Die Momentaufnahmen des weltberühmten Fotografen Robert Frank spielen gekonnt mit nah und fern. «Ferne Nähe» nennt Reto Sorg, Leiter des Robert-Walser-Zentrums, denn auch die Ausstellung, die er in enger Zusammenarbeit mit dem mittlerweile 88-Jährigen, in New York lebenden schweizerisch-amerikanischen Fotografen und Filmemacher konzipiert hat. Ein Begriff, der von Robert Walser (1878–1956) höchstpersönlich stammt.

Ganz nah und doch fern

Die suggestiven Texte Robert Walsers, darunter weltberühmte Romane wie «Geschwister Tanner» oder «Der Gehilfe», inspirieren zunehmend bildende Künstler, beispielsweise Markus Raetz oder das Duo Fischli & Weiss. Robert Frank, der 1959 mit seinem Fotobuch «The Americans» Weltruhm erlangte, bezieht sich allerdings nie explizit auf den Berner Schriftsteller, sondern fühlt sich vielmehr dem Ton und der Atmosphäre in den Schriften Walsers verbunden. «Genau wie Walser pickt auch Frank etwas aus der Wirklichkeit heraus, fokussiert und verfremdet es. Die Dinge schweben wie in einem Traum vor uns, sind ganz nah und doch nicht greifbar», so Sorg.

Ein romantischer Flaneur

Jedes der rund zwanzig in der Ausstellung präsentierten Prints ist ein Trugbild, das gleichzeitig Dinge offenlegt und versteckt hält. Entstanden sind die Aufnahmen zwischen den Jahren 1940 und 1980 in verschiedenen amerikanischen Städten. Mal stösst man auf ein Kasperlitheater, das die Wahrnehmung mit einer Kulisse, die die Stadtansicht verdoppelt, narrt. Mal wird man Zeuge einer Masseneinbürgerung, ohne wirklich zu sehen, was vorgeht. Ganz im walserschen Sinne verstehe sich auch Frank als romantischer Flaneur, sagt Sorg. Diesem Spaziergänger folgt man gerne: Er führt uns an anscheinend bekannte Orte und legt dabei das Unbekannte offen.

Begleitend zur Ausstellung zeigt das Kino Kunstmuseum Bern im April eine Retrospektive zu Robert Frank – zusammengestellt vom Filmemacher persönlich. Neben Underground-Klassikern wie «Pull my Daisy» (Drehbuch: Jack Kerouac) oder «Candy Mountain» soll auch die von Mick Jagger persönlich verbotene Rolling-Stones-Dokumentation «Cocksucker Blues» zu sehen sein. Das vollständige Programm ist auf www.kinokunstmuseum.ch aufgeschaltet. zas

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