Rollen mit Sprengkraft
Von Andreas Berger. Aktualisiert am 05.01.2011
Wo & Wann
Heute![]() |
|
|---|---|
| Heute keine Vorführungen. | |
Trailer
| Adresse: | Hodlerstrasse 8 3011 Bern |
| Url: | http://www.kinokunstmuseum.ch |
| Reservation: | 031 328 09 99 |
«Es ist nichts für Weicheier», antwortete die Hollywooddiva Bette Davis einst auf die Frage, ob sie Angst vor dem Alter habe. Tatsächlich müssen in der auf Jugendlichkeitswahn fixierten Glamourmetropole viele Schauspielerinnen spätestens nach dem 40. Geburtstag kürzer treten, weil Rollenangebote immer spärlicher eintreffen. Genau umgekehrt ist es in der Lebensgeschichte von Hiam Abbass.
Die Frau mit dem pechschwarzen Haar, den warmherzig braunen Augen und der betörend rauchigen Stimme war bereits zweifache Mutter, als ihr im Jahr 2002 mit der Rolle der Bauchtänzerin im tunesisch-französischen Film «Satin rouge» von Raja Amari der internationale Durchbruch gelang; zuvor hatte die 1960 in Nazareth geborene und seit rund zwanzig Jahren in Paris lebende Palästinenserin als Lehrerin und Fotoreporterin gearbeitet.
«Das war die erste wirkliche berufliche Herausforderung», kommentierte sie 2008 bei einem Besuch in Zürich den Auftritt als Lilia in «Satin rouge», die sich mit Bauchtanz aus ihrer traditionellen Rolle als Hausfrau und Mutter befreit. «Mir wurde bewusst, dass die Arbeit als Schauspielerin keine Grenzen haben darf und ich bereit sein muss, alle verschiedenen Gefühle einer Figur zu erforschen.» Auch nach diesem in muslimischen Kulturkreisen kontrovers diskutierten Film schreckte Hiam Abbass, die eigenen Angaben zufolge unter dem Einfluss von drei verschiedenen Religionen aufgewachsen ist, nie vor Rollen mit beträchtlichem Provokationspotenzial zurück.
In Hany Abu-Assads «Paradise Now» (2004) beispielsweise verkörpert sie die Mutter eines Selbstmordattentäters. Als skandalös empfanden viele ihrer Landsleute jene kurze Szene in «The Syrian Bride», in der sie nur mit Unterwäsche bekleidet auftritt, und empörend fanden viele auch den Kuss, den sie als energisch für ihre Zitronenplantage kämpfende Witwe in Eran Riklis‘ «Lemon Tree» (2008) ihrem jungen Anwalt gibt.
«Ich glaube an den Frieden»
«Ja», antwortete sie in der persönlichen Begegnung auf die Frage, ob sie sich Frieden zwischen Israel und Palästina vorstellen könne. «Ich weiss nicht, wann und wie, aber ich glaube daran. Ich denke positiv, ich muss das – ohne Hoffnung könnte ich gar nicht vor die Kamera treten.»
Eine verwesende Ziege, ein verlassener Autokonvoi, orientierungslos umherirrende Flüchtlinge, immer wieder Geräusche von Kampfjets und fernen Explosionen: In dem als Berner Premiere programmierten Film «Chaque jour est une fête» (2009) von Dima El-Horr gibt es keine einzige Actionszene, doch der Horror des Krieges im Nahen Osten ist in jeder Sequenz und jedem Bild spürbar. Als Frau eines Gefängniswärters begibt sich Hala (Hiam Abbass) auf eine Busreise durch den Libanon, um ihrem Mann dessen Dienstwaffe zu bringen. Die Fahrt in Gesellschaft vieler Frauen, die ihre inhaftierten Männer besuchen wollen, wird zu einer irren Odyssee, als der Buschauffeur aus einem Hinterhalt erschossen wird.
Ebenfalls eine Premiere ist Thomas McCarthys in den USA realisierter Film «The Visitor» (2007). Abbas spielt darin die Mutter eines Flüchtlings aus Syrien, der in New York zusammen mit seiner senegalesischen Freundin Opfer eines Immobilienbetrugs wird. Nicht vor, sondern hinter der Kamera wirkte Hiam Abbass bei den französischen Kurzfilmen «Le pain» (2001) und «La danse eternelle» (2003). Im Jahr 2012 will die Schauspielerin, die voraussichtlich am 29. Januar im Kino Kunstmuseum anwesend sein wird, mit «The Inheritance» ihren ersten Langspielfilm als Regisseurin drehen.
Kino Kunstmuseum, Bern. Ab 8. Januar 2011.
Chaque jour est une fête
| Regie: | Dima El-Horr |
| Produktion: | France, Germany, Lebanon 2009; 90 min. |
| Genre: | Drama |
| Erstaufführung: | 27.01.2011 |
| Darsteller: | Hiam Abbass, Manal Khader, Raia Haidar, Fadi Abi Samra, Berj Fazalian |


