Kino Aktuell Hugo

Märchenhafte Mechanik von Scorsese

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 08.02.2012

Mit elf Nominationen wird Martin Scorseses Bilderorgie «Hugo» bei der Oscarverleihung Ende Februar als Favorit ins Rennen steigen. Trotzdem ist dieser 3-D-Ausflug zu den Anfängen des Kinos eine leise Enttäuschung.

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Martin Scorsese hat nicht nur Filmgeschichte geschrieben. Die 69-jährige Regielegende («Taxi Driver», «Raging Bull», «Goodfellas», «Departed») ist ein wandelndes Filmlexikon und – wie er dem Redaktor 2005 in einem stakkatohaft-impulsiven Gespräch anvertraute – «ein perfektionistischer Geschichtsfreak».

Tatsächlich lässt Scorsese keine Gelegenheit aus, Hollywood-Schätze der Vergangenheit zu heben und sie dem Publikum wieder zugänglich zu machen. Da ist es nur konsequent, wenn «Marty», wie ihn Freunde nennen, in eigenen Filmen ebenfalls Kinogeschichte Revue passieren lässt und sie ins Zentrum rückt – zuletzt etwa in «Aviator» (2004) über den exzentrischen Luftfahrtpionier und Filmer Howard Hughes.

Ein Knabe zwischen Mauern

Auch wenn Scorsese selbst kaum eigene Drehbücher schreibt: «Hugo» ist als Stoff massgeschneidert für den Oscarpreisträger. Basierend auf Brian Selznicks Bestseller «Die Entdeckung des Hugo Cabret», skizziert Drehbuchautor John Logan («Gladiator», «Aviator») die Geschichte eines zwölfjährigen Waisenknaben (Asa Butterfield), der um 1930 zwischen den Mauern des Pariser Bahnhofs Montparnasse lebt.

Hugo kümmert sich um die Mechanik der Bahnhofsuhren, hält sich mit Diebstählen über Wasser und versucht, einen Automatenmenschen zu reparieren – das einzige Erinnerungsstück, das ihm von seinem verstorbenen Vater (Jude Law) blieb. Ersatzteile klaut der Knabe bei einem grimmigen Spielzeughändler (Ben Kingsley) – bis er ertappt und um sein wertvolles Notizbuch erleichtert wird. Darauf folgt Hugo dem Händler, freundet sich mit dessen abenteuerlustiger Tochter an – und plötzlich erwacht allerlei verloren Geglaubtes zum Leben.

Als Zuschauer sollte man sich von der ebenso rührseligen wie dünnen Geschichte zunächst nicht irritieren lassen. Der süssliche Plot ist für Scorsese nur Vorwand, um über die Ursprünge des Kinos nachzudenken. Der Spielzeughändler entpuppt sich als Filmpionier Georges Méliès («Le voyage dans la lune», 1902). Der Bahnhof ist eine Referenz an die Ursprünge des Kinos, als die Gebrüder Lumière mit der «Ankunft eines Zuges in La Ciotat» (1896) Jahrmarktgänger erschreckten. Und der Abenteurer, der sich in luftigen Höhen an einen Uhrzeiger klammert, ist aus Harold Lloyds Kurzfilm «Safety Last» (1923) entlehnt.

Mehr Spielberg als Scorsese

Alle diese Verweise werden in «Hugo» sorgsam verwoben, von Scorseses Chefszenenbildner Dante Ferretti erlesen ausgestattet und als 3-D-Erlebnis perfekt inszeniert. Und trotzdem fehlt dem Film genau jene Magie, die er zu beschwören sucht. Die keimfreie Historienverpappung hat – verglichen mit dem Oscar-konkurrenten «The Artist» – kaum Pep und erinnert eher an Märchenonkel Steven Spielberg denn an den Gewalt- und Gangsterexperten Scorsese. Vielleicht hatte der Regisseur recht, als er dem Redaktor vor sieben Jahren sagte: «Die Zeiten, als man in Hollywood verrückte Dinge tun konnte, sind vorbei. Es ist einfach zu viel Geld im Spiel.»

Hugo

Regie:Martin Scorsese
Produktion:USA 2011; 126 min.
Genre:Adventure, Drama, Fantasy, Mystery
Erstaufführung:09.02.2012
Darsteller:Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ray Winstone

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