Kino Aktuell The Deep Blue Sea

Ernüchterte Leidenschaft

Von Kathrin Halter. Aktualisiert am 11.04.2012

Rachel Weisz in ihrer besten Rolle: als Frau, die ihren Mann zugunsten eines anderen verlässt.

Hester (Rachel Weisz) ist bereit, für die Liebe ihre Existenz aufs Spiel zu setzen.

Hester (Rachel Weisz) ist bereit, für die Liebe ihre Existenz aufs Spiel zu setzen.

The Deep Blue Sea

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«Was ist dir zugestossen?», fragt William seine Noch-Ehefrau Hester. «Die Liebe, Will.» Das Paar (Simon Russell Beale und Rachel Weisz) steht vor Hesters Mietshaus in einem einfachen Londoner Viertel; der ergraute Richter mit sorgenvoller Miene, Hester gefasst und schön wie immer, aber noch stark gezeichnet von ihrem nicht lang zurückliegenden Selbstmordversuch.

Ja, was ist mit Hester geschehen?Der Selbstmordversuch steht am Anfang von Terence Davies’ Melodram: Hester blickt aus dem Fenster auf die Strasse, schliesst die Vorhänge, nimmt die Tabletten und verriegelt das Zimmer. Und während die Kamera von Florian Hoffmeister langsam über ihren Körper gleitet, überlässt sich Hester, schwelgerisch untermalt von Samuel Barbers Violinkonzert, ihren Erinnerungen. Es sind Szenen einer Ehe mit dem sanften, ungeliebten Gatten: Da wird in bürgerlich ausstaffierten Salons, auch in Anwesenheit von Williams stocksteifer Mutter, vor allem rücksichtsvoll geschwiegen. Und es sind Szenen der Leidenschaft mit Freddie (Tom Hiddleston), Hesters Liebhaber. Sie lassen auf eine glühende Verliebtheit der Frau – und auf weit ambivalentere Gefühle des ehemaligen Bomberpiloten – schliessen.

Der britische Filmemacher Terence Davies ist mit autobiografisch inspirierten Werken über seine Kindheit in Liverpool berühmt geworden. Wie in «Distant Voices, Still Lives» (1988) und in «The Long Day Closes» (1992) löst Davies die Chronologie der Erzählung in kunstvoll verschachtelten Rückblenden auf. Das ist in «The Deep Blue Sea» auch der Spannung zuträglich, weil man so erst nach und nach realisiert, in welcher Mesalliance sich Hester verfangen hat.

Die Adaption von Terence Rattigans Bühnenstück erzählt einiges über die Tragik einer Frau in den Fünfzigerjahren, die ausser bedingungsloser Liebe nichts zu kennen scheint in ihrem Leben: Das erinnert sehr an die Frauenfilme aus dieser Epoche, doch anders als etwa die Heldin in David Leans Liebesdrama «Brief Encounter» (1945) hat Hester nicht verzichtet, sondern ihr Leben selbst gewählt. Nun stellt sie sich dem Unglück tapfer, illusionslos und ohne Selbstmitleid. Noch nie hat Rachel Weisz besser gespielt als hier.

The Deep Blue Sea

Regie:Terence Davies
Produktion:UK, USA 2011; 98 min.
Genre:Drama, Romance
Erstaufführung:12.04.2012
Darsteller:Ann Mitchell, Jolyon Coy, Rachel Weisz, Karl Johnson, Simon Russell Beale
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