Die neuen Kinder der Landstrasse
Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 25.04.2012
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Trailer
Das muss ein Marsmensch sein. Simon (Kacey Mottet Klein), bis über die Ohren eingemummt, stapft durch ein Walliser Skigebiet, kämpft sich im Gegenverkehr an Skifahrern vorbei, zieht einen mit Skiern beladenen Bob hinter sich her und sortiert auf einer Toilette Helme, Skibrillen und andere Accessoires.
Klar, Simon ist ein Langfinger, der reiche Touristen am Berg beklaut, um anschliessend die Beute im Tal zu verhökern. Doch man lasse sich nicht täuschen. In «Sister», dem neuen Film von Ursula Meier, ist nichts, wie es scheint. Der 12-jährige Simon klaut nicht aus Langeweile oder Lust auf teuren elektronischen Unterhaltungs-Schnickschnack, wie man es von einem Jungen in seinem Alter erwarten könnte. Nein, der zerbrechliche Schlacks finanziert sich mit solchen Beutezügen seinen Lebensunterhalt und den seiner älteren «Sister» Louise (Léa Seydoux).
Gemeinsam wohnen sie in einem gesichtslosen Betonblock im Tal. Louise, die launische Provinzbeauty, jobbt zwar gelegentlich als Putzhilfe, verschwindet aber ohne Ankündigung tagelang, um mit Kollegen rumzumachen. Oder um sich volllaufen zu lassen. Oder beides. Und die Eltern? Die seien tot, sagt Simon zu einem von Louises Liebhabern. Allein, man ahnt es, auch das ist nicht die ganze Wahrheit.
«Home»: Die Weite, die Enge
«Sister», an der Berlinale mit einem Silbernen Bären als Sonderpreis ausgezeichnet, ist in mehrerer Hinsicht ein aussergewöhnliches Erlebnis. Der Film hebt sich ab von herkömmlichen Heimatverklärungen, unterscheidet sich aber auch von Ursula Meiers hochgelobtem Spielfilmdebüt: «Home», wir erinnern uns, handelte von einer fünfköpfigen Familie an der Autobahn und lebte von der Horizontalbewegung, genauer: von einer Spannung zwischen landschaftlicher Weite und häuslicher Enge. Familiendiskussionen fanden im Badezimmer statt. Dann kamen die Marsmenschen – Bauarbeiter, die kommentarlos das stillgelegte Autobahnteilstück vor dem Haus betriebstüchtig machten.
«Sister»: Das soziale Gefälle
Hier nun, in «Sister» (im Original: «L’enfant d’en haut»), ist die Familie zum Zweipersonenhaushalt geschrumpft. Die verspielte Üppigkeit des Erstlings ist einer dunkleren Realität gewichen; das soziale Gefälle wird im Auf und Ab der Gondelbahn gespiegelt. Und statt im Bad treiben sich die Figuren in Lagerräumen und Toiletten rum. Oder sie sitzen im Auto fest, wie in einer Schlüsselszene des Films.
Es sind solche kerkerartigen Kleinräume und eine stark nach innen gerichtete Figurenperspektive, die «Sister» auszeichnen. Heile Bergwelt? Pulverschnee? Pistenvergnügen? Das existiert in «Sister» lediglich in Simons antrainiertem Wortschatz, mit dem er bei englischen Touristen punktet. Dabei agiert er so entschlossen, dass man mitunter vergisst, dass er noch ein Kind ist. Ganz im Gegensatz zu Louise, die jede Verantwortung scheut und sich so benimmt, wie Simon es eigentlich sollte.
Kacey Mottet Klein (für «Home» als bestes Nachwuchstalent mit dem Schweizer Filmpreis prämiert) spielt seine Figur verbissen, aber auch fragil. Zusammen mit dem internationalen Star Léa Sedoux («Mission Impossible – Ghost Protocol», «Midnight in Paris») ergibt das ein ebenso berührendes wie verstörendes Duo. Vor allem, wenn im Krisenfall ein bisschen Zuneigung mit Geld erkauft werden muss. Die vielleicht grösste Qualität von «Sister» ist jedoch, dass vieles kaum auffällt. Zum Beispiel, dass der Film ohne Musik und Dialog beginnt – und ebenso sprachlos endet. Vielleicht, weil es nichts mehr zu sagen gibt, dort, wo die Wege nach oben, aber auch nach unten führen.
L'enfant d'en haut
| Regie: | Ursula Meier |
| Produktion: | France, Switzerland 2012; 97 min. |
| Genre: | Drama |
| Erstaufführung: | 26.04.2012 |
| Darsteller: | Kacey Mottet Klein, Léa Seydoux, Martin Compston, Gillian Anderson, Jean-François Stévenin |


