«Ich bin hier die Sehenswürdigkeit»
Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 25.04.2012
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Trailer
Spaziert ein reizendes Pärchen übers Land. Sagt der junge Mann: «Du solltest öfter mal die Sehenswürdigkeiten sehen.» Sagt sie: «Aber ich bin hier die Sehenswürdigkeit.» Lustig? Überheblich? Todernst? Ja. Alles. Und mehr. Denn die Frau heisst Marilyn Monroe und schlendert gerade viel lieber mit ihrem dritten Regieassistenten Colin Clark durch Feld und Wald, als vor der Filmkamera im Studio zu stehen.
Britannien in Aufruhr
«My Week with Marilyn» greift eine angeblich biografische Anekdote auf, die der echte Colin Clark (1932–2002) in seinem gleichnamigen Buch festhielt: Clark begegnete der Monroe 1956, als sie während ihrer Flitterwochen mit Ehemann Nr.3, dem Dramatiker Arthur Miller, in England die romantische Komödie «The Prince and the Showgirl» drehte. Ein Ereignis, das damals nicht nur den Zeitzeugen Clark und sämtliche Männer Britanniens in Aufruhr versetzte, sondern auch die Filmcrew an ihre Grenzen brachte.
Dass die Monroe kaum je pünktlich zu Dreharbeiten auftauchte, dass sie an allem und jedem zweifelte, dass sie Alkohol und Beruhigungstabletten in rauen Mengen konsumierte und dass sie kaum eine Sekunde von ihrem «acting coach» Paula Strasberg wich, mag heute kein Geheimnis mehr sein. Wie «My Week with Marilyn» diese Chiffren einer ausser Kontrolle geratenen Persönlichkeit durch das Auge eines naiven Beobachters filtert, ist trotzdem reizvoll.
Extremwerte im Film
Regisseur Simon Curtis und Drehbuchautor Adrian Hodges betreiben weder Hochglanzjubel noch düstere Seelenschau. Sie bieten einen ebenso schlauen wie beiläufigen Einblick ins Filmbusiness, wo jede Messung von Befindlichkeiten zu Extremwerten auf der Egoskala neigt. Zu sehen anhand des Kräftemessens zwischen der Monroe und ihrem britischen Leinwandpartner und Regisseur Laurence Olivier, der sich vom ultimativen Sexsymbol eine Steigerung des eigenen Marktwerts erhoffte.
Schauspieler oder Star?
Die Bilanz, freilich, sollte anders aussehen. Assistent Clark, der zwischen den beiden vermittelte und sich angeblich auch in Marilyns Schlafgemach wiederfand, bringt den Sachverhalt auf den Punkt: «Das Problem ist, dass Olivier ein grossartiger Schauspieler ist, der ein Filmstar werden möchte, während du (Monroe) ein Star bist und eine grosse Schauspielerin werden willst. Dieser Film wird keinem von euch helfen.»
Nüchtern, ja fast nebenbei wird auch die Schlüsselszene des eingangs erwähnten Landausflugs erzählt: Als sich die Monroe plötzlich von Männern umringt sieht, fragt sie ihren Begleiter mit keckem Seitenblick: «Soll ich sie sein?» Die Antwort wartet sie nicht ab, sondern wirft sich in Pose – und im Handumdrehen wird aus der mädchenhaften Verführerin das übernatürliche Sexsymbol, das die Monroe wie auf Knopfdruck an- und auszuknipsen verstand.
Oscarreife Michelle Williams
Trotzdem. Die reizvollste Nebenbei-Erzählung wäre nichts wert, wenn das Objekt der Begierde nicht glaubhaft verkörpert würde. Wo immer die Monroe als Monroe auftauchte, verblasste bekanntlich alles in ihrer Umgebung. Genau diese Magie bringt Hauptdarstellerin Michelle Williams auf die Leinwand. Sie lässt einen vergessen, dass da eine Schauspielerin am Werk ist, die Monroe nur spielt. Alltägliches Schauspielhandwerk? Nicht bei einer Ikone von diesem Rang. Verdientermassen erhielt Williams für diese Leistung ihre dritte Oscarnomination. Und ja, neben ihr sind Kenneth Branagh (als Laurence Olivier) und Eddie Redmayne (als Colin Clark) tatsächlich nur Statisten.
;«My Week with Marilyn»: Ab morgen im Kino. Infos: www.kino.bernerzeitung.ch. Buch zum Film: Colin Clark, «Meine Woche mit Marilyn». 224 S., Schirmer/Mosel.>
My Week with Marilyn
| Regie: | Simon Curtis |
| Produktion: | UK, USA 2011; 99 min. |
| Genre: | Drama |
| Erstaufführung: | 26.04.2012 |
| Darsteller: | Michelle Williams, Kenneth Branagh, Eddie Redmayne, Julia Ormond, Pip Torrens |


