Zungenkuss mit Goethe

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 08.04.2013

Die Prinzessinnen miauen, Torquato Tasso greift zu Waffe und alle mögen sie Koks: Lisa Nielebock versucht am Stadttheater Bern das komplexe Dichterdrama mit aktuellem Trash aufzumotzen.

Ein melancholisch eingefärbtes Rührmichnichtan: Andri Schenardi als Torquato Tasso.

Ein melancholisch eingefärbtes Rührmichnichtan: Andri Schenardi als Torquato Tasso.
Bild: Annette Boutellier/zvg


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Der Lumber ist ihm ein wenig zu eng. Er könnte ein Schnäppchen aus dem Ausverkauf sein, ist die Jacke doch erst noch beidseitig tragbar. Auch das Hemd spannt über dem Wohlstandsbauch von Alfons, dem Herzog von Ferrara.

Hier tritt kein potenter machtbewusster Mäzen des 16. Jahrhunderts auf, der sich Dichter wie Haustiere hält, sondern ein kleiner Kulturbeamter, ein fleissiger und ein sparsamer, wie sich die Tassos des 21. Jahrhunderts mit ihnen herumschlagen müssen. Die üppige Renaissance, die Epoche des damals als genial verehrten Dichters Torquato Tasso, ist ebenso weit weg wie das Weimar des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als Goethe mit dem Drama über den italienischen Dichter sich das eigene Unbehagen in der Rolle des abhängigen Staatskünstlers von der narzisstischen Seele schrieb.

Nur die fünffüssigen Jamben sind noch da, auf denen die fünf Protagonisten erstaunlich leicht durch den Abend tänzeln. Ein Catwalk ist die Bühne, ein knallroter Laufsteg, der weit ins Parkett des Stadttheaters hineinragt (Bühne und Kostüme Sascha Gross). Und sie bewegen sich denn auch wie Models, die liebliche Prinzessin, die auf lebensgefährlich hohen Bleistiftabsätzen herumstöckelt, und die wie eine schwarze Witwe gewandete Leonore. Mit der riesigen Sonnenbrille und einem Haarturm wie die gute Amy Winehouse selig ihn trug, fläzt sie sich dann später auch hin und wartet geduldig auf ihr Opfer.

Beide wollen sie ihn, den Tasso, den nervösen Schlacks, der sich so linkisch in ihrer Gegenwart bewegt. Wie er sich geniert, dieser Tasso, als ihm mit dem Lorbeerkranz auch noch die Lobeshymnen um die Ohren fliegen. Ein melancholisch eingefärbtes Rührmichnichtan ist der Dichter im T-Shirt mit dem blutigen Totenkopf. Ein kleiner Hamlet ist er also auch noch, gefangen in seinen Ansprüchen und unverstanden von seiner Umwelt. Ganz besonders giftig reagiert er auf Antonio, den Staatssekretär, der die Eskapaden des selbstverliebten Genies nüchtern kommentiert.

Goethe war wenig überzeugt

Als Salongespräch inszeniert die junge deutsche Regisseurin Lisa Nielebock am Stadttheater Bern das Drama, an dem der junge Goethe fast ein Jahrzehnt gearbeitet hat. Zwischendurch ist er allerdings nach Italien abgehauen, um dann mit einer überarbeiteten Tasso-Fassung zurückzukehren. Goethe selber soll wenig überzeugt gewesen sein von der Bühnentauglichkeit des Dramas. Bereits 1790 fertiggestellt, dauert es noch fast 17 Jahre bis zur Uraufführung in Weimar. Der Erfolg der Premiere hat Goethe selber dann sehr überrascht.

Mit seiner minimalen Handlung, den klugen Sprüchen voller Andeutungen ist denn das Stück vor allem eine Fundgrube für Goethe-Nerds. Zeigt sich doch seine Essenz erst nach intensiver Auseinandersetzung. Des komplexen Texts nimmt sich Lisa Nielebock wie eines schweren Teigs an, versucht mit allerlei plustrigen Einfällen aus ihm ein Soufflé zu machen. So leicht wie die Tanzbewegungen sind auch die wenigen Requisiten. Die Goethe-Büste ist aus Styropor, die Bänke sind mit rosarotem Schaugummi gepolstert, und der unentbehrliche Lorbeerkranz für den Dichter ist aus billigem glittrigem Dekomaterial.Und pudrig leicht ist auch der weisse Stoff, von dem sich Leonore eine Linie reinzieht. Eine erbärmlich dünne Linie, vermutlich nicht von besonders guter Qualität, denn weder die Fürstin noch die anderen, die sich bedienen, werden so richtig high und wachsen über sich hinaus. Es wird zwar lauter auf der Bühne, der joviale gemütliche Kulturbeamte fängt an zu schreien, die Provokationen eskalieren, die Prinzessinnen miauen, und der eingebildete Mimosendichter zeigt unverhohlen seine Schadenfreude, als er realisiert, wie sie alle an seiner komplizierten Persönlichkeit auflaufen. Sie raufen und sie lieben sich, lange dürfen die Münder aneinander kleben. Auch von Antonios hübschem Mund kommt Tasso kaum mehr los, und sogar die Goethe-Büste bekommt einen saftigen Zungenkuss ab.

Leonard Cohens Lektion

Trotz dieser Mund-zu-Mund-Beatmung wird Goethes «Torquato Tasso» nicht vitaler. Es liegt nicht an den Schauspielern, dass einen das Drama des jungen Dichters im Land, wo die Neurosen blühen, nicht berührt. Andri Schenardi gelingt es zwar, die Wandlung des selbstmitleidigen Dichters sichtbar zu machen, und als spiessiger Beamter, der die Nerven verliert, macht sich Stéphane Maeder ganz gut. Wohltuend ist auch die Coolness von Timur Isik in der Rolle des Staatssekretärs Antonio, während Henriette Blumenau (Prinzessin) und Mona Kloos (Eleonore) aus den Klischees dümmlicher Weiblichkeit das Beste zu machen versuchen.

Doch die gut hundertminütige Aufführung bleibt eine intellektuelle Fingerübung, koloriert mit allerlei trashigen, eher wenig gelungenen Regieeinfällen. Ein müdes Lächeln nur ringen sie dem Publikum ab, wenn Tasso plötzlich mit hoher Stimme spricht, iPod und Fotokamera gezückt werden, und die Tanzbewegungen immer exaltierter sind. Gegen Ende der Aufführung bricht dann plötzlich Leonard Cohen ein, mit seinem «Amen», einer der schönsten Songs seines letzten Albums «Old Ideas». Und bringt als unsichtbarer Überkünstler aus dem Off eine Klarheit, eine todtraurige Endgültigkeit ins läppische Spiel. Und eine Authentizität, die man den ganzen Abend vermisst hat. Erstarren müssten sie jetzt eigentlich alle auf dem Laufsteg, verschwinden oder sich besinnen und noch einmal von vorne anfangen.

Weitere Aufführungen bis 30. Mai. www.konzerttheaterbern.ch

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