Auf den Boden! Suche Schutz! Halt dich fest!
Von Hanna Jordi. Aktualisiert am 26.01.2012
Location
| Name: | |
| Adresse: |
Infos
Datum und Uhrzeit
Auftritt
Dampfzentrale Mit «Naturalcauses» und «Lonely Birds» startet das Heimspiel-Festival: Fr, 27./Sa, 28. 1., 20 Uhr und So, 29. 1., 19 Uhr.
Sie erkannte ihre Heimatstadt kaum wieder: Als die in Bern lebende Tänzerin und Choreografin Emma Murray ein halbes Jahr nach dem Erdbeben vom 22. Februar 2011 Christchurch besuchte, waren die Folgen der Erschütterungen der Stärke 6,3 auf der Richterskala noch gut sichtbar. Das Zentrum der Stadt wies Löcher auf, der gröbste Schutt war zwar weitgehend beseitigt, doch der Wiederaufbau noch nicht in Angriff genommen. Emma Murray war schockiert, die Realität strafte ihre Kindheitserinnerungen Lügen. Es bot sich ihr ein surreales Bild: «Auch wenn in einem Strassenabschnitt alles normal aussieht – plötzlich entdeckt das Auge einen Mauerklumpen am Boden, der da nicht hingehört.»
Fast 200 Menschen waren gestorben, viele Bewohner der Stadt weggezogen, weil die Nachbeben ihnen keine Ruhe gelassen oder sie schlicht ihr Zuhause verloren hatten. Emma Murrays Familie war glimpflich davongekommen – ihre Schwester hatte sich rechtzeitig aus einem einstürzenden Haus retten können, und ihrer Mutter gelang es, den Wagen am Strassenrand abzustellen, als der Asphalt begann, Wellen zu werfen.
Das Schöne am Schlimmen
Doch das Erdbeben hatte nicht nur in den Strassenzügen Spuren hinterlassen. Auch mit der Gesellschaft war etwas passiert: «Was mich am meisten berührt hat, war, zu sehen, wie die Menschen in Christchurch zusammengerückt sind», erzählt sie. Von diesem neu aufgekeimten Gemeinschaftsgefühl beeindruckt, machte sich Emma Murray in Gesprächen mit ihrer Familie, Nachbarn und Arbeitskollegen ihres Vaters auf die Suche nach positiven Aspekten des Unglücks. Und sie wurde neugierig: Ob sich jemand etwas Schlimmes herbeiwünschen könnte, um Schönes zu erfahren?
Ja, jemand kann. Die Protagonistin in Emma Murrays neuem Stück «Naturalcauses» ist eine einsame Seele, die sich nach einem Erdbeben sehnt. «Hier geht es nicht um eine suizidale Sehnsucht», stellt Emma Murray fest, «im Gegenteil: Die Figur will die Katastrophe, um sich lebendig zu fühlen.» Die Apokalypse als Reinigungsprozess und Startpunkt eines lang ersehnten Neustarts: ein beliebtes Motiv der Kulturgeschichte, wie Emma Murray bei ihrer Recherche feststellte. Überall stiess sie auf Weltuntergangsvisionen, in Film, Literatur und Fernsehen. In der Fiktion verliert die Katastrophe ihren realen Schrecken und macht aus mittelmässigen Mitgliedern westlicher Wohlstandsgesellschaften Helden, glücklich Gerettete oder schmerzlich vermisste Opfer.
Tanzen in der Notunterkunft
Die Protagonistin in Emma Murrays Ein-Frau-Stück verspricht sich von ihrem Erdbeben menschliche Nähe: «We will all be one after the event», lautet ihr Glaubenssatz. Und um vor Ort zu sein, wenn die anderen Menschen kommen, hat sie sich schon mal am richtigen Ort eingefunden: in der Notunterkunft. Sie verkürzt sich die Wartezeit mit Abhandlungen über die Seismologie, bereitet die Liegen für etwaige Neuankömmlinge vor. «Doch das Erdbeben bleibt aus», verrät Emma Murray vor der Uraufführung ihres Stücks. Die Dame wird sich selbst helfen müssen, die tektonischen Platten werden ihr diesen Dienst nicht erweisen.
Bereits 2008 hat Murray, die einst Mitglied des Ballett-Ensembles am Stadttheater war, eine Frau auf die Suche nach leichteren Lebensumständen geschickt – im Stück «My Body Is an Island» vermutet die Protagonistin das bessere Dasein aber nicht in einer Naturkatastrophe, sondern in den Binsenwahrheiten von Lebensratgebern. Auch ihr bleibt die Instantlösung für ihre Probleme verwehrt.
Die Physiologie des Schüttelns
Wenn schon die Erde in «Naturalcauses» nicht beben will, Emma Murray tut es auf der Bühne sehr wohl: «Es ist sehr interessant, wie viel Bewegungspotenzial das Thema des Schüttelns hat», sagt Murray. Inspirieren liess sich die Choreografin vom Bewegungsablauf des Lehrsatzes «Drop! Cover! Hold on!» (etwa: «Auf den Boden! Suche Schutz! Halt dich fest!»), der Kindern in erdbebengefährdeten Regionen bereits im Vorschulalter eingetrichtert wird. Und von den Vorstellungen, die sich die indigenen Völker Polynesiens von Erdbeben machten: «Die Maori beispielsweise stellten sich die Erde als Mutterbauch vor, in dem ein Baby sich rekelt und tritt», sagt Murray. Auch die seismografischen Aufzeichnungen des Bebens von Christchurch hat sie bemüht, um das An- und Abschwellen der Intensität der Erdstösse nachvollziehen zu können.
Und so bebt Murrays Körper auf der Bühne, zittert und groovt während fünfzig Minuten. «Physisch ist das Stück sehr anstrengend», sagt sie. Während der Probezeit im Turbinensaal der Dampfzentrale hat sich die 38-Jährige jeweils mit Yoga und Joggen von den kräfteraubenden Bewegungen erholt. Vom Schüttelmotiv hat sie noch lange nicht genug: Wenn ihre Tanzklasse an der Akar-Tanzschule im Frühjahr für die sommerliche Aufführung probt, wird Murray ihre Schülerinnen choreografisch erzittern lassen.
Die Feldbetten bleiben leer: Tänzerin Emma Murray als einsame Seele in «Naturalcauses». Foto: Manu Friederich

